Archiv für die Kategorie 'Theologie'

Heureka!!! oder: Birkenbihl-Hebräisch, es könnte losgehen!

Christian | Dienstag, den 18. November 2008 um 19:05 Uhr

Einen unglaublichen Fund habe ich heute dank Vinzent gemacht:

Dank des verstorbenen Mönches Abraham Shmuelof findet man/frau auf einer von Gary Martin erstellten Seite eine komplett vorgelesene Ausgabe der Hebräischen Bibel im mp3-Format!

Ich hatte schon länger darüber nachgedacht, mich irgendwann in ferner Zukunft einem Birkenbihl-Hebräisch-Projekt zu widmen. Nun rückt das Unternehmen in viel greifbarere Nähe, als ich dachte. Die nächste Zeit werde ich mich durch die Dateien durchhöhren und vielleicht gibt es, nachdem der Griechisch-Kurs gesprochen sein wird, in 2009 erste Hebräisch-Dekodierungen.

Wer Lust hat, dabei mitzuwirken, kann sich auch gerne schon bei mir melden, ein Gemeinschaftsprojekt wäre auch eine sehr gute Idee!

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Die Mitmach-Bibel

Christian | Freitag, den 30. November 2007 um 11:08 Uhr

Ein kurzer Beitrag der Art: “Das fand ich interessant, habe aber gerade keine Zeit, selbst mehr darüber zu schreiben.”

Im Blog “Emergentes Gedankengut” habe ich eine sehr spannende Zusammenfassung zur Diplomarbeit von Patrick Röder gelesen. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie ein Bibelkommentar geschaffen werden kann, der multiperspektivisch, dynamisch und von einer breiten Gemeinschaft von Internetnutzerinnen und -nutzern geschrieben und genutzt wird.

Ich bekomme übrigens regelmäßig das Mail-Abo von Emergentes Gedankengut. - Einer der Newsletter, die ich wirklich empfehlen kann.

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Sexuelle Minderheiten in der Bibel

Christian | Freitag, den 30. November 2007 um 10:58 Uhr

Die Bibel ist ein Buch, das gleichermaßen idealisierend wie plural ist. Das Ideal zeigt sich in den schillernden Königsgestalten David, Salomo und Josia. Sie sind die Vorbilder des israelitischen Königs, wie er hätte sein sollen. Und trotz dieses - wohl eher konstruierten - Ideals scheint manchmal in den Texten des Alten und des Neuen Testaments die eigentliche Pluralität dieser alten Welt durch. (Und sie ist unserer darin gar nicht so unähnlich!)

Das wird zum Beispiel dann bemerkbar, wenn das Königtum im alten Israel vor 2500 bis 3000 Jahren und dessen hofeigene Religion, die oft nicht sehr viel mit der der restlichen Bevölkerung gemein hatte, von den Prophetinnen und Propheten im Alten Testament aufs schärfste angegriffen und als gottloser Abfall von JHWH verurteilt wird. Manchmal geschieht dies im ersten Atemzug, manchmal ein paar Kapitel oder sogar Bücher später. Ausnehmen kann sich von dieser Kritik aber kein König und keine Königin im alten Israel.

Genauso zeigt es sich in den verschiedenen Jesusgestalten der Evangelien, dass jede Darstellung von Jesus für sich und in sich ihre eigene, partikulare Idealisierung erfahren.
Das war der gedankliche Startpunkt für Dr. Tom Hencks, ehemaliger Professor am Seminario Bíblico Latinoamericano in Buenos Aires und Dr. André Musskopf, Dozent für Systematische Theologie an der EST hier in São Leopoldo, die im Rahmen der “semana académica” (akademischen Woche) einen gemeinsamen Vortrag über sexuelle Minderheiten in Bibel und Kirche hielten.

  1. Eine sehr informative Seite (auf Spanisch und Englisch) zur Arbeit von Tom Hencks ist die der Fundación Otras Ovejas de Argentina. Hier finden sich viele Artikel zum Thema, sowie ein kostenloser Kommentar zum Alten und Neuen Testament aus Sicht der Gender-/Queer-Forschung.
  2. Die internationale Seite hierzu ist übrigens othersheep.org
  3. Außerdem sehr interessant ist der von Hencks vorgestellte “Queer Bible Commentary”. Hier gibt es ausführliche Informationen (Englisch) vom Verlag.

Dadurch, dass wir als Menschen - so die These von Hencks und Musskopf - regelmäßig Idealbilder, Stereotypen und damit normative Personen- und Rollenvorstellungen formen, finden sich auch in der Bibel solche idealen Vorstellungen davon, wie eine Person zu sein hat. Und wir gehen latent, unbemerkt davon aus, dass unsere eigenen Ideale, die wir von unserer Gesellschaft und Kultur übernommen haben, sich in der Bibel wiederspiegeln. Weil wir unsere Vorstellungen in der Regel auch an der Bibel bestätigen können, verstärkt sich damit unsere eigene - moralische - Überzeugng entsprechend.

Die beiden Forscher kritisierten aber eine solche Leseweise der Bibel. So werde von vielen BrasilianerInnen beispielsweise oft ein kultureigenes Idealbild des Menschen wieder gefunden. Dieser Mensch ist (durchschnittlich) männlich, weiß, heterosexuell, gut verdienend, mit einer einzigen Frau verheiratet und hat 2,4 Kinder. Dieser Idealtyp wird in der Regel dann auch als von den biblischen Texten getragen (und gefordert) wahrgenommen. Hieraus folge, dass jemand, der oder die nicht diesem Bild entspricht, als Angehörige/r einer Minderheit angesehen werde. Und dies schließt ihn oder sie in vielen Fällen vom Zugang zu bestimmten gesellschaftlichen Institutionen (Heirat, Kirchenzugehörigkeit, Arbeitsstelle u. a.) aus. Im schlimmeren Fall werde er oder sie durch diese Stellung am “Rande der Gesellschaft” zum Opfer verbaler, psychischer und bisweilen auch physischer Gewalt.

Hierbei kämen allerdings zwei Aspekte zu wenig in den Blick:

  1. Die sogenannten “Minderheiten” tragen zur Bildung des normierenden Durschnittswertes bei, welcher dann Ausgangspunkt für das allgemeinhin akzeptierte gesellschaftliche Ideal werde.
  2. Die Bibel, welche als Legitimationsgrundlage für dieses Ideal behauptet wird, sei selbst ein Dokument, an dessen Entstehung verschiedenste Minderheiten und u. a. Menschen bestimmter “sexueller Vorlieben” direkt wie indirekt beteiligt waren.

So fänden sich in der Bibel insgesamt 35 “sexuelle Minderheiten”, von denen viele von biblisch zentralen Personen wie Abraham (Polygamie), Maria (geschwängerte Jungfrau) oder Jesus (Asket und Sohn zweier Väter) vertreten werden. Henck und Musskopf nehmen diese Beobachtung als Ausweis dafür, dass die Bibel nicht als Begründungsgrundlage gegen sexuelle Pluralität und individuelle Sexuelle Freizügigkeit stehen könne. Vielmehr sei in ihrem Verständnis die Bibel selbst ein Ort, in dem “sexuelle Minderheiten” eher die “Norm” darstellen, als dass sich dort durchgängig ein verbindliches Idealbild sexueller Ethik entfaltete.

Da ich im letzten Teil des Vortrags (auf Spanisch…) einige Verständnisprobleme hatte, schließe ich meine eigene Schlussfolgerung an:

Ich denke, die Kirchen müssen sich von den idealisierten und ontologisierenden Denkmustern lösen, nach denen eine korrekte und vorbildliche Persönlichkeit nur die sein könne, die einen im Sinne der Bibel (sexualethisch) korrekten Lebenswandel führe. Dabei kann ein Denken hilfreich sein, das sich immer wieder daran erinnert, dass letztlich jeder und jede den Status “einer Minderheit zugehörig” erhalten kann, abhängig von der kulturellen Perspektive - sei es eine brasilianische, deutsche oder römisch-hellenistische wie zu Zeiten Jesu von Nazareth.

Diese Denkweise vom Standpunkt der Minderheiten aus lässt dabei nämlich Heterosexualität als EIN Modell menschlichen Zusammenlebens unter anderen hervortreten. Dieses Modell ist nicht im Gegensatz, sondern im Nebeneinander und Miteinander mit anderen Formen zu denken. Der Angst, in seinem eigenen (xyz-sexuellen) Lebensentwurf hinterfragt und verunsichert zu werden, müssen wir uns aussetzen, wollen wir nicht - wie leider in der christlichen Geschichte oft geschehen - unsere Angst vor dem anderen durch Ausgrenzung und Gewalt kompensieren. Begegnen sollten wir dieser Angst eher durch einen “inter-sexuellen” Austausch und den Versuch, über das gemeinsame Lesen in der Vielfalt der Texte der Bibel neue Sichtweisen für unsere persönliche Lebensgestaltung vor Gott wie auch voreinander zu finden.

Fragen, die sich an diese Gedanken anschließen sind:

  1. Ist es aus der Perspektive von Minderheiten Diskriminierung, dass die Kirchen und Gemeinden nicht durchgängig Eheschließungen zwischen Homosexuellen zulassen?
  2. Trifft das gleiche nicht auch für die Ausschließung von kirchlichen/gemeindlichen Ämtern zu?
  3. Und über den Aspekt der Sexualität hinaus gefragt: Wird in unseren Kirchen und Gemeinden wirklich deutlich, dass der Glaube keinen Unterschied macht zwischen gesellschaftlichen Klassen, Geschlecht und etnischem Hintergrund?
  4. Müssen sich Kirchen und Gemeinden nicht gerade den Ausgeschlossenen in der Gesellschaft zuwenden und uns für deren Rechte einsetzen? - Dabei würden wir Jesus (oder einer der Sichtweisen auf ihn) nachfolgen, der sich auch mit denen eingelassen hat und Gemeinschaft mit denen hatte, denen ansonsten jeder Kontakt mit dem Rest der Gesellschaft unmöglich war.

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Der kleine persönliche Synkretismus

Christian | Samstag, den 05. Mai 2007 um 14:11 Uhr

Um das Folgende sagen zu können muss man (oder wenigstens ich) wohl ein religiöse Landschaft wie in Brasilien miterlebt haben. Hier merke ich, wie der Kontext, in dem ich lebe, mein Denken und Urteilen (mit)bestimmt.

Theologie(n) des Alten Testaments

Zur Prüfungsvorbereitung für das Fach “Teologia do Antigo Testamento” habe ich das Buch “Theologien im Alten Testament” von E. S. Gerstenberger gelesen. Der Titel ist dabei gleichzeitig die Grundthese des Buches: “Es gibt nicht die Theologie im Alten Testament”, geschweige denn, dass das Alte Testament so etwas wie eine Mitte hätte. Sowohl der Endtext, als auch die diversen Schichten des AT stellen uns als Leser auf einen hohen Berg, von dem aus wir “Gott schauen”. Das Panorama dabei ist dabei aber nicht das blanke Weiß der Erkenntnis. Glaube und Religion im AT sind ein bunter, vielfältiger und vielschichtiger Regenbogen. Glänzend und matt, pompös und marginal, triumphierend und leise wimmernd präsentiert sich eine religiöse Welt, die uns auf den ersten Blick erschreckend unorthodox, ohne jede Ordnung und ohne eine feste “Idee” von Gott und vom Glauben erscheint. Auf den zweiten Blick scheint mir diese Welt - zumindest hier in Brasilien - gar nicht mehr so fremd zu sein, auch wenn die Entfernung von Kultur, Lebensart und zeitlicher Abstand zwischen altem Orient und (post)modernem Brasilien
(oder auch Deutschland) enorm ist.

Religiosität in Brasilien (und im Alten Orient?)

Weil es etwas zu viel verlangt wäre, das große religiöse Gefühl der (brasilianischen) Gegenwart einzufangen, beschreibe ich lieber - ganz vorläufig - das kleine große religiöse Gefühl des oder der Einzelnen:
Fürwahr, Brasilien ist eins der Länder mit den meisten Katholiken der Welt. Anders als in Deutschland, wo die Mentalität oft eher ist: “Wenn ich mit der Kirche nichts mehr anfangen kann, gehe ich halt.” bleiben die BrasilianerInnen zwar in der Kirche, suchen sich aber derweil trotzdem die Religion oder Spiritualität, die am besten zu ihnen passt. - Gab es einen altisraelitischen Tempelkult, war es für die Israeliten auch kein Problem, ihren kleinen Hausaltar mit kleinen Göttern, Amuletten, usw. zu haben. - Sei es Candomblé, Umbanda, neu-pfingstkirchliche Bewegungen - warum sich nicht an jeder Stelle das holen, was sie versprechen: Heilende Geister, die Austreibung der falschen Dämonen, die Segnung des Geldbeutels bei den Neupfingstlern und zum persönlichen oder familiären Schutz noch den einen oder anderen Talisman, dazu noch einen Hausheiligen (oder mehrere) in der “Kultnische”, oder waren es jetzt doch Götterstatuen?! - Das alles scheint eine Normalität zu sein.

Eine Welt ohne Religion?!

Von anderen Deutschen habe ich gehört, dass BrasilianerInnen, als sie hörten, es gäbe Menschen in Deutschland, die keine Religion hätten, das beim besten Willen nicht verstehen konnten. - Religion (oder besser: Religiosität) ist nicht wegzudenken. Welche Religion - das spielt dabei allerdings (an erster Stelle) keine Rolle. Das ist eine aufregende Entdeckung in vielerlei Hinsicht:

  1. Was E. S. Gerstenbergers “Theologien im Alten Testament” angeht, hat dieser in seinem Vorwort den Nagel auf den Kopf getroffen: Der kulturelle Kontext prägt die Theologie und wir müssen uns das als (angehende) TheologInnen stets bewusst machen.
  2. Den kulturellen Blick zu wechseln kann eine große Bereicherung für die eigene Sichtweise allgemein, aber auch für das theologische Denken sein.
  3. Die Vielschichtigkeit des Alten Testaments (und in einiger Zeit auch des Neuen?) hätte ich nie so deutlich verstehen können ohne die Erfahrungen und Erzählungen anderer aus Brasilien.
  4. Das AT ist eine große Hilfe, innerhalb meines christlichen Kontextes Ökumene und interreligiösen Dialog zu denken.

Dass ich als Europäer auch ein ziemliches Unbehagen in dieser multireligiösen Kultur spüre, und dass es auch viel berechtigte, über-kulturell verortete Kritik an dieser Mentalität gibt, ist mir dabei auch vor Augen. (Welche politischen und menschenrechtlichen Auswirkungen ziehen z. B. die Inhalte mancher religiöser Bewegungen nach sich - seien es die “Großkirchen” oder kleine “Sekten” und “Kulte”!) Letztendlich will ich aber das Anregende und Positive aus dieser Erfahrung in einer anderen Kultur ziehen - und davon gibt es bei aller Kritik reichlich, das sich lohnt, auf- und in “die Heimat” mitzunehmen.

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Verlieren denn alle TheologiestudentInnen den Glauben?

Christian | Montag, den 26. März 2007 um 12:47 Uhr

Es gibt anscheinend einige Fragen während des Studiums, die - mehr oder weniger direkt - allen angehenden Theologinnen und Theologen gestellt werden. Dazu gehört diese, die - auch aus dem Mund von Theologiestudierenden selbst - etwa so klingt:

“Wie, du studierst Theologie und glaubst noch an Gott?!”

Die Frage wurde nicht mir und auch nicht in Deutschland gestellt, sondern einem Studenten hier, mit dem wir Portugiesisch lernen. - An einer lutherischen Hochschule im Süden Brasiliens machen bestimmte Zweifel, Anfechtungen und vielleicht auch die Aufgabe des Glaubens den Studierenden ähnliche Schwierigkeiten, wie an den theologischen Fakultäten und Hochschulen im fernen Deutschland.- Das fand ich interessant und habe ein wenig weiter gefragt. Das Ergebnis: Die Schwierigkeiten hier und dort sind im Großen und Ganzen die gleichen:

Woher die Zweifel?

Es lässt sich recht schnell festmachen, welche Gründe es für Theolgiestudierende gibt, ins Zweifeln zu kommen. Die wichtigsten sind wohl:

  • Der bewusst kritische Umgang mit allen Bereichen des (christlichen) Glaubens,
  • das Hinterfragen und die Infragestellung der Grundlagen dieses Glaubens, sprich des biblischen Kanons,
  • der oftmals nicht zu erkennende Bezug des Studiums zur kirchlichen oder persönlichen (Glaubens-)Praxis,
  • die Konfrontation mit vielfältigen Gegenentwürfen zum eigenen Glauben, zur eigenen Religiosität.

Sicherlich gibt es noch mehr (Ergänzungen erwünscht), diese sind für mich die offensichtlichsten, die jedeN StudentIn im Laufe des Studiums mehr oder weniger betreffen. Anders als bei anderen Studiengängen, werden in der Theologie, durch die ständigen Anfragen an den (eigenen) Glauben, die eigenen Vorstellungen von sich selbst, die Lebensentwürfe der Studierenden in einer besonderen Weise in Frage gestellt. Die Studierenden geraten in einen Prozess der Selbstbefragung, der an den Grundfesten der eigenen Existenz rüttelt.

Was wird aus den Zweifeln?

Aus diesem Prozess gibt es drei große Auswege:

  1. Verdrängung
  2. Verzweiflung
  3. Verarbeitung

1. Verdrängung

Sieht ein Mensch sich derart vielen, oft auch ungewohnt drastischen Fragen gegenüber, die ihn tief im Inneren treffen und dort anfangen zu arbeiten und das Selbstverständnis auseinanderzuwühlen, geht er oder sie natürlich erst einmal auf Abstand. - Von vielen PfarrerInnen und StudentInnen habe ich schon gehört, dass sie das Studium “hinter sich gebracht haben”, weil dieses Studium mehr darauf ausgelegt sei, den Glauben zu demontieren, als ihn für die Arbeit in der Gemeinde zu stärken. Es funktioniert, keine Frage. Der Preis, den diese Menschen dafür bezahlen ist ein Doppelleben zwischen der Theologie als Wissenschaft, die den eigenen Glauben nicht zulässt und dem persönlichen Glauben, der sich der wissenschaftlichen Hinterfragung nicht aussetzen kann oder will.

2. Verzweiflung

Andere Menschen (wohl auch jener Brasilianer, der die Eingangsfrage gestellt hat) bauen entweder keine starke Mauer zwischen Wissenschaft und Glauben auf, weil ihnen zum Beispiel das fromme Umfeld fehlt, oder lassen sich aus Interesse, Lust auf das Neue, etc. auf die wissenschaftliche Theologie und deren Kritik ein, werden aber von ihnen überrant. Die Argumente gegen den Glauben sind größer als die dafür. Und das passiert, wovor die anderen sich fürchteten: Der Glaube hört auf, Gott gibt es nicht, oder er hat schlicht keine erkennbare Relevanz mehr für ihr Leben.

3. Verarbeitung

Es sind nicht wenige Studierende, die weder verdrängen, noch verzweifeln wollen, sondern die versuchen, für sich Glaube und Theologie miteinander zu versöhnen, sich auf beides ganz einzulassen, die Mauern zwischen dem vermeintlichen Gegensatzpaar Glaube und Vernunft einzureißen und sich in die Entwicklung, die dann beginnt, hineinnehmen zu lassen. Die Wege der Verarbeitung sind meistens wenig eindeutig und die Schwierigkeit ist, dass das Ziel, an dem man dann hoffentlich am Ende des Studiums ankommen wird, ziemlich uneinsehbar zu sein scheint. Wer Gott nach 6 Jahren Studium für einen sein wird - woher soll man das jetzt schon wissen?

Soweit meine dialektische Sicht auf den Prozess im Theologiestudium, den ich bei anderen und bei mir selbst bis hierher beobachtet habe. - Meine Meinung ist, dass sich die Verarbeitung auszahlt, dadurch dass sie den Glauben vertieft und sogar stärkt, statt ihn zu demontieren und der Persönlichkeit eine größere Reife gibt.

Der beschwerliche Weg der Verarbeitung und wie er leichter werden könnte

Das Problem in diesem Prozess ist dies:

Will man sich nicht von den Verdrängenden vereinnahmen lassen, ist man bei der Suche nach der “Synthese” von Verdrängung und Verzweiflung auf sich allein gestellt, sieht man von den sicherlich guttuenden Gesprächen mit KommilitonInnen in der Kneipe oder auf dem Weg zur Mensa einmal ab.

Dass in dieser Situation viele Studierenden diesen Weg (nein, nicht den zur Mensa) nicht zu Ende gehen, sondern schließlich doch in einem der beiden Extreme landen werden, ist für mich ein Armutszeugnis, nicht der universitären Theologie, sondern der evangelischen Kirchen. Solange das Pfarramt seine zentrale Rolle im Leben der evangelischen Gemeinden behält, wird auch die theologische und geistliche Entwicklung der Pfarrerinnen und Pfarrer im Gemeindeleben deutlich Spuren hinterlassen. Dass von so vielen Seiten an die Kirchen die Relevanzfrage gestellt wird, angesichts alternder Mitglieder, lauer Beteiligung am Leben in der Gemeinde, fehlendem Engagement, geistlicher Armut, ist nicht zuletzt eine Folge unzureichender Glaubwürdigkeit evangelischer Pfarrer, denen man den Glauben, für den sie stehen, nicht so recht abkaufen kann.

Wenn dann von Bekannten aus freien Gemeinden Fragen gestellt werden wie: “Gibt es eigentlich noch Pfarrer in der Kirche, die glauben, was sie sagen?” - polemisch, typisch pietistisch, ja, aber auch eine ernst zu nehmende Beobachtung - dann denke ich manchmal, ohne es zu sagen: “Ja, aber wirklich überzeugt sind sie auch nicht von dem was sie sagen.”

Ist wissenschaftliche Theologie und christlicher Glaube, gelebte Spirtualität und Religiosität ein Widerspruch? Nein, denke ich. Theologie ist sogar notwendig für die Kirche, bewahrt den Glauben vor großen Trugschlüssen und - auch polemisch gesprochen - vor inhaltlicher wie geistlicher Verflachung. Nur hat die evangelische Kirche bisher keinen Weg gefunden, Brücken und Wege zwischen den beiden Extremen zu schaffen, Hilfestellungen an Theologiestudierende bei der Verarbeitung ihrer existenziellen Fragen zu geben, ohne zu manipulieren, Unterstützung bieten und in die Universitäten zu tragen.

Supervision ist ein wichtiger Aspekt in der beruflichen Begleitung von Pfarerinnen und Pfarrern. - Warum spielt sie dafür in der vor-beruflichen Phase des Theologiestudiums eine so verschwindend geringe Rolle? (In der EKiR gibt es im ganzen Studium gerade einmal 5 obligatorische “Mentorierungsstudnen” mit einem Pfarrer eigener Wahl. - Immerhin, denn in Westfalen gibt es keine einzige.) Im Interesse nicht nur der Kirche, sondern jedes einzelnen Gemeindemitglieds sollte es stehen, dass die angehenden Pfarrerinnen und Pfarrer eine professionelle und intensive Begleitung während des Studiums erhalten. Fragen wie:

“Die meisten Theologiestudenten glauben doch gar nicht mehr an Gott, oder?”

oder:

“Du studierst Theologie und glaubst noch an Gott?”

würden dann vielleicht seltener gestellt werden.

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