Viel gelesen, nichts behalten?

Mittwoch, den 11. Juni 2008 um 07:19 Uhr

Warum passiert es mir so oft bei Texten, dass ich manche Seiten lese, ohne irgendetwas davon mitzunehmen, weil ich beim Lesen über etwas anderes nachgedacht habe?

Nun, seit einiger Zeit ärgere ich mich über dieses Problem. (Gerade ist es wieder aufgetaucht, weil ich einige Seiten über Paul Ricoeur gelesen hatte und nachher praktisch keine Erinnerung an den Inhalt zurückblieben.) Denn ich verschwende Zeit damit, über Seiten zu schweifen und - gefühlt - nichts aufzunehmen. Zudem ist es frustrierend zu denken, ich könne mich nicht richtig konzentrieren.

Zwei Lösungen sind mir zu-gefallen (oder auf-getaucht), die mich weitergebracht haben:

1.) Tony Buzan hat 1971 ein Buch mit dem Titel “Speed Reading” geschrieben, wo es also um Schnell-Lese Technik geht. Schnell wird jemand durch zwei Aspekte:

a) Durch die Beschleunigung der Augen beim Lesen.
b) Durch das Vermindern von Störfaktoren - oder positiv gesagt: Durch Fokussierung und Effizienz.

Fokussierung und Effizienz ist das Stichwort, das sich bei Birkenbihl in dem Wort “Interesse” wiederfindet. Interesse bezeichnet sie als den wichtigsten Faktor für erfolgreiches Lernen überhaupt. Der Gedanke ist der:

Interessiere ich mich für ein Thema/einen Text/einen “Gegenstand”, dann nehme ich “von selbst”, ohne bewusst vollzogenes Nachdenken, die Gedanken in mich auf (vgl. Kinder, die alle Dinosaurierarten, Fußballspieler oder Promis im Kopf haben…). Sofern dieses Interesse nicht von sich aus gegeben ist, fällt Lernen bzw. Lesen und verstehen schwer, ich schweife ab, weil ich nicht die Gebanntheit habe, die ich hätte, würde ich z. B. einE BrasilianerIn von seinen/ihren LieblingsmusikerInnen schwärmen hören.

Interesse, Gebanntsein, Fokussierung lässt sich aber erzeugen. Ich schaffe mir mein Interesse für den Text. Und der wichtigste Schlüssel hierzu sind:

FRAGEN

Trivial? Ganz genau, aber effektiv. Und: Ich hatte einige Schwierigkeiten, wirklich relevante Fragen zu stellen, die mich bei der Sache hielten. Denn: Wo habe ich denn gelernt, geschickt, “intelligent”, interessiert nach etwas zu fragen?

Gelang es mir aber, eine Frage über einen Text zu stellen (am besten einen kurzen “Happen” von 10-20 Seiten), die ich aus echtem INTERESSE gestellt hatte, dann wirkt diese Frage wie eine geistige Linse, die die vielen anderen Gedanken in meinem Kopf aus-blendet und mit präziser Brennschärfe den Text entlanggeht, von der Wiss-be-GIER-de meines Kopfes gesteuert, die Antwort(en) aus dem Gelesenen herauszusaugen.

Soviel zu Punkt 1.

2.) Delegieren

Es gibt Momente, in denen mich Stimmungen, intensive Erlebnisse, bevorstehende Aufgaben oder andere große Gedanken beschäftigen, die sehr träge und stur sind, wenn es darum geht, sie aus meinem Blickfeld zu schieben, damit sie mir nicht die gedankliche Sicht auf den Text verstellen. Solchen Gedanken notiere ich, sobald sie auftauchen, auf einen seperaten Zettel, mit dem ich mich befassen kann, nachdem ich die Hauptaufgabe erledigt habe. - Sie werden sozusagen “gehätschelt”, ich gestehe den Gedanken zu: “Ja, du bist wichtig, schau her, ich schreibe dich hier auf den Zettel und du kommst zu deinem Recht.” Indem ich dem Gedanken so entgegenkomme, ist er auch bereit, sich für die Zeit meines Lebens wieder in das unbewusste Denken zurückzuziehen. Mit etwas Glück hat sich der Gedanken durch dieses Delegieren an das Unbewusste schon gelöst und ich konnte mich inzwischen problemlos meinem Text widmen.

Ich gebe übrigens zu: Es ist eine Sache des regelmäßigen Übens, und wie mir Ricoeur gezeigt hat, bin auch ich wieder schnell in meinen vorigen Gewohnheiten. - Ich merke aber auch: Je bewusster ich mir die Zeit nehme, um mit fragendem Herantasten und dem Erzeugen von Interesse beginne, desto mehr Zeit “spare” ich später.
Das alles dauert manchmal nur ein paar Sekunden, manchmal auch mehrere Minuten, erspart mir aber die vielen Minuten, die ich brauchen würde, um die “verlorenen” Seiten noch einmal zu lesen.

Veröffentlicht in: Gelesen, Gesehen, Lernen

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