Sexuelle Minderheiten in der Bibel

Freitag, den 30. November 2007 um 10:58 Uhr

Die Bibel ist ein Buch, das gleichermaßen idealisierend wie plural ist. Das Ideal zeigt sich in den schillernden Königsgestalten David, Salomo und Josia. Sie sind die Vorbilder des israelitischen Königs, wie er hätte sein sollen. Und trotz dieses - wohl eher konstruierten - Ideals scheint manchmal in den Texten des Alten und des Neuen Testaments die eigentliche Pluralität dieser alten Welt durch. (Und sie ist unserer darin gar nicht so unähnlich!)

Das wird zum Beispiel dann bemerkbar, wenn das Königtum im alten Israel vor 2500 bis 3000 Jahren und dessen hofeigene Religion, die oft nicht sehr viel mit der der restlichen Bevölkerung gemein hatte, von den Prophetinnen und Propheten im Alten Testament aufs schärfste angegriffen und als gottloser Abfall von JHWH verurteilt wird. Manchmal geschieht dies im ersten Atemzug, manchmal ein paar Kapitel oder sogar Bücher später. Ausnehmen kann sich von dieser Kritik aber kein König und keine Königin im alten Israel.

Genauso zeigt es sich in den verschiedenen Jesusgestalten der Evangelien, dass jede Darstellung von Jesus für sich und in sich ihre eigene, partikulare Idealisierung erfahren.
Das war der gedankliche Startpunkt für Dr. Tom Hencks, ehemaliger Professor am Seminario Bíblico Latinoamericano in Buenos Aires und Dr. André Musskopf, Dozent für Systematische Theologie an der EST hier in São Leopoldo, die im Rahmen der “semana académica” (akademischen Woche) einen gemeinsamen Vortrag über sexuelle Minderheiten in Bibel und Kirche hielten.

  1. Eine sehr informative Seite (auf Spanisch und Englisch) zur Arbeit von Tom Hencks ist die der Fundación Otras Ovejas de Argentina. Hier finden sich viele Artikel zum Thema, sowie ein kostenloser Kommentar zum Alten und Neuen Testament aus Sicht der Gender-/Queer-Forschung.
  2. Die internationale Seite hierzu ist übrigens othersheep.org
  3. Außerdem sehr interessant ist der von Hencks vorgestellte “Queer Bible Commentary”. Hier gibt es ausführliche Informationen (Englisch) vom Verlag.

Dadurch, dass wir als Menschen - so die These von Hencks und Musskopf - regelmäßig Idealbilder, Stereotypen und damit normative Personen- und Rollenvorstellungen formen, finden sich auch in der Bibel solche idealen Vorstellungen davon, wie eine Person zu sein hat. Und wir gehen latent, unbemerkt davon aus, dass unsere eigenen Ideale, die wir von unserer Gesellschaft und Kultur übernommen haben, sich in der Bibel wiederspiegeln. Weil wir unsere Vorstellungen in der Regel auch an der Bibel bestätigen können, verstärkt sich damit unsere eigene - moralische - Überzeugng entsprechend.

Die beiden Forscher kritisierten aber eine solche Leseweise der Bibel. So werde von vielen BrasilianerInnen beispielsweise oft ein kultureigenes Idealbild des Menschen wieder gefunden. Dieser Mensch ist (durchschnittlich) männlich, weiß, heterosexuell, gut verdienend, mit einer einzigen Frau verheiratet und hat 2,4 Kinder. Dieser Idealtyp wird in der Regel dann auch als von den biblischen Texten getragen (und gefordert) wahrgenommen. Hieraus folge, dass jemand, der oder die nicht diesem Bild entspricht, als Angehörige/r einer Minderheit angesehen werde. Und dies schließt ihn oder sie in vielen Fällen vom Zugang zu bestimmten gesellschaftlichen Institutionen (Heirat, Kirchenzugehörigkeit, Arbeitsstelle u. a.) aus. Im schlimmeren Fall werde er oder sie durch diese Stellung am “Rande der Gesellschaft” zum Opfer verbaler, psychischer und bisweilen auch physischer Gewalt.

Hierbei kämen allerdings zwei Aspekte zu wenig in den Blick:

  1. Die sogenannten “Minderheiten” tragen zur Bildung des normierenden Durschnittswertes bei, welcher dann Ausgangspunkt für das allgemeinhin akzeptierte gesellschaftliche Ideal werde.
  2. Die Bibel, welche als Legitimationsgrundlage für dieses Ideal behauptet wird, sei selbst ein Dokument, an dessen Entstehung verschiedenste Minderheiten und u. a. Menschen bestimmter “sexueller Vorlieben” direkt wie indirekt beteiligt waren.

So fänden sich in der Bibel insgesamt 35 “sexuelle Minderheiten”, von denen viele von biblisch zentralen Personen wie Abraham (Polygamie), Maria (geschwängerte Jungfrau) oder Jesus (Asket und Sohn zweier Väter) vertreten werden. Henck und Musskopf nehmen diese Beobachtung als Ausweis dafür, dass die Bibel nicht als Begründungsgrundlage gegen sexuelle Pluralität und individuelle Sexuelle Freizügigkeit stehen könne. Vielmehr sei in ihrem Verständnis die Bibel selbst ein Ort, in dem “sexuelle Minderheiten” eher die “Norm” darstellen, als dass sich dort durchgängig ein verbindliches Idealbild sexueller Ethik entfaltete.

Da ich im letzten Teil des Vortrags (auf Spanisch…) einige Verständnisprobleme hatte, schließe ich meine eigene Schlussfolgerung an:

Ich denke, die Kirchen müssen sich von den idealisierten und ontologisierenden Denkmustern lösen, nach denen eine korrekte und vorbildliche Persönlichkeit nur die sein könne, die einen im Sinne der Bibel (sexualethisch) korrekten Lebenswandel führe. Dabei kann ein Denken hilfreich sein, das sich immer wieder daran erinnert, dass letztlich jeder und jede den Status “einer Minderheit zugehörig” erhalten kann, abhängig von der kulturellen Perspektive - sei es eine brasilianische, deutsche oder römisch-hellenistische wie zu Zeiten Jesu von Nazareth.

Diese Denkweise vom Standpunkt der Minderheiten aus lässt dabei nämlich Heterosexualität als EIN Modell menschlichen Zusammenlebens unter anderen hervortreten. Dieses Modell ist nicht im Gegensatz, sondern im Nebeneinander und Miteinander mit anderen Formen zu denken. Der Angst, in seinem eigenen (xyz-sexuellen) Lebensentwurf hinterfragt und verunsichert zu werden, müssen wir uns aussetzen, wollen wir nicht - wie leider in der christlichen Geschichte oft geschehen - unsere Angst vor dem anderen durch Ausgrenzung und Gewalt kompensieren. Begegnen sollten wir dieser Angst eher durch einen “inter-sexuellen” Austausch und den Versuch, über das gemeinsame Lesen in der Vielfalt der Texte der Bibel neue Sichtweisen für unsere persönliche Lebensgestaltung vor Gott wie auch voreinander zu finden.

Fragen, die sich an diese Gedanken anschließen sind:

  1. Ist es aus der Perspektive von Minderheiten Diskriminierung, dass die Kirchen und Gemeinden nicht durchgängig Eheschließungen zwischen Homosexuellen zulassen?
  2. Trifft das gleiche nicht auch für die Ausschließung von kirchlichen/gemeindlichen Ämtern zu?
  3. Und über den Aspekt der Sexualität hinaus gefragt: Wird in unseren Kirchen und Gemeinden wirklich deutlich, dass der Glaube keinen Unterschied macht zwischen gesellschaftlichen Klassen, Geschlecht und etnischem Hintergrund?
  4. Müssen sich Kirchen und Gemeinden nicht gerade den Ausgeschlossenen in der Gesellschaft zuwenden und uns für deren Rechte einsetzen? - Dabei würden wir Jesus (oder einer der Sichtweisen auf ihn) nachfolgen, der sich auch mit denen eingelassen hat und Gemeinschaft mit denen hatte, denen ansonsten jeder Kontakt mit dem Rest der Gesellschaft unmöglich war.

Veröffentlicht in: Brasilien, Gehört, Kirche, Theologie

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