Archiv für November 2007
Anonymität im Internet, Terrorbekämpfung und die Kirche
Die Mitmach-Bibel
Christian |
Freitag, den 30. November 2007 um 11:08 Uhr
Ein kurzer Beitrag der Art: “Das fand ich interessant, habe aber gerade keine Zeit, selbst mehr darüber zu schreiben.”
Im Blog “Emergentes Gedankengut” habe ich eine sehr spannende Zusammenfassung zur Diplomarbeit von Patrick Röder gelesen. Er beschäftigt sich mit der Frage, wie ein Bibelkommentar geschaffen werden kann, der multiperspektivisch, dynamisch und von einer breiten Gemeinschaft von Internetnutzerinnen und -nutzern geschrieben und genutzt wird.
Ich bekomme übrigens regelmäßig das Mail-Abo von Emergentes Gedankengut. - Einer der Newsletter, die ich wirklich empfehlen kann.
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Leben in der Seifenblase
Christian |
Freitag, den 30. November 2007 um 10:59 Uhr
Es beginnt an einem Grenzkontrollposten zwischen Gazastreifen und israelischem Staatsgebiet, wo sich zwischen diskriminierender Schikane und ideologisierten, verzweifelten Hassäußerungen ein ungewöhnliches Liebespaar findet:
Noam ist Israeli, arbeitet in einem Plattenladen in Tel-Aviv und lebt mit seiner Alternativen WG zwischen Rolling Stones und pazifistischen Rave-Partys. Während seiner Zeit bei der Armee begegnet ihm die Absurdität und Unmenschlichkeit militärischer Kontrolle, die ganz im Gegensatz zu seinem eigentlichen Lebensgefühl steht.
Ashraf ist Palästinenser. Seine Schwester soll bald verheiratet werden. Ashraf lebte lange Zeit in Jerusalem, spricht akzentfrei Ivrit und kommt öfter über die Grenze nach Israel, von wo er mit seiner Familie vor langer Zeit flüchten musste.
Zwischen beiden Hauptdarstellern des Filmes “The Bubble” (Eytan Fox) entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die versucht, sich den Konflikten, Tabus und Klischees ihrer Situation zu befreien. Dabei bleibt die Liebe dieser beiden Männer, die beide an ihre kulturelle Herkunft gebunden sind, zerbrechlich. Es ist eine Welt in einer Seifenblase, die immer wieder droht in sich zusammenzufallen. Und im Ringen um die Stabilität dieser ungewöhnlichen Welt liegt der Fluchtpunkt dieses Films.
Ob sie gelingt, darüber solltet ihr euch ein eigenes Urteil bilden. Ich habe diesen Film im O-Ton mit Portugiesischen Untertiteln gesehen und wüsste gerne, was die BrasilianerInnen hier wohl über ihn denken würden. Zur deutschen Fassung habe ich nichts direkt finden können, der Film läuft allerdings schon ein paar Wochen, oder auch schon nicht mehr, wie so oft.
Hier die Beschreibung im Archiv der Berlinale
Und hier einer der Trailer zum Film:
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Sexuelle Minderheiten in der Bibel
Christian |
Freitag, den 30. November 2007 um 10:58 Uhr
Die Bibel ist ein Buch, das gleichermaßen idealisierend wie plural ist. Das Ideal zeigt sich in den schillernden Königsgestalten David, Salomo und Josia. Sie sind die Vorbilder des israelitischen Königs, wie er hätte sein sollen. Und trotz dieses - wohl eher konstruierten - Ideals scheint manchmal in den Texten des Alten und des Neuen Testaments die eigentliche Pluralität dieser alten Welt durch. (Und sie ist unserer darin gar nicht so unähnlich!)
Das wird zum Beispiel dann bemerkbar, wenn das Königtum im alten Israel vor 2500 bis 3000 Jahren und dessen hofeigene Religion, die oft nicht sehr viel mit der der restlichen Bevölkerung gemein hatte, von den Prophetinnen und Propheten im Alten Testament aufs schärfste angegriffen und als gottloser Abfall von JHWH verurteilt wird. Manchmal geschieht dies im ersten Atemzug, manchmal ein paar Kapitel oder sogar Bücher später. Ausnehmen kann sich von dieser Kritik aber kein König und keine Königin im alten Israel.
Genauso zeigt es sich in den verschiedenen Jesusgestalten der Evangelien, dass jede Darstellung von Jesus für sich und in sich ihre eigene, partikulare Idealisierung erfahren.
Das war der gedankliche Startpunkt für Dr. Tom Hencks, ehemaliger Professor am Seminario Bíblico Latinoamericano in Buenos Aires und Dr. André Musskopf, Dozent für Systematische Theologie an der EST hier in São Leopoldo, die im Rahmen der “semana académica” (akademischen Woche) einen gemeinsamen Vortrag über sexuelle Minderheiten in Bibel und Kirche hielten.
- Eine sehr informative Seite (auf Spanisch und Englisch) zur Arbeit von Tom Hencks ist die der Fundación Otras Ovejas de Argentina. Hier finden sich viele Artikel zum Thema, sowie ein kostenloser Kommentar zum Alten und Neuen Testament aus Sicht der Gender-/Queer-Forschung.
- Die internationale Seite hierzu ist übrigens othersheep.org
- Außerdem sehr interessant ist der von Hencks vorgestellte “Queer Bible Commentary”. Hier gibt es ausführliche Informationen (Englisch) vom Verlag.
Dadurch, dass wir als Menschen - so die These von Hencks und Musskopf - regelmäßig Idealbilder, Stereotypen und damit normative Personen- und Rollenvorstellungen formen, finden sich auch in der Bibel solche idealen Vorstellungen davon, wie eine Person zu sein hat. Und wir gehen latent, unbemerkt davon aus, dass unsere eigenen Ideale, die wir von unserer Gesellschaft und Kultur übernommen haben, sich in der Bibel wiederspiegeln. Weil wir unsere Vorstellungen in der Regel auch an der Bibel bestätigen können, verstärkt sich damit unsere eigene - moralische - Überzeugng entsprechend.
Die beiden Forscher kritisierten aber eine solche Leseweise der Bibel. So werde von vielen BrasilianerInnen beispielsweise oft ein kultureigenes Idealbild des Menschen wieder gefunden. Dieser Mensch ist (durchschnittlich) männlich, weiß, heterosexuell, gut verdienend, mit einer einzigen Frau verheiratet und hat 2,4 Kinder. Dieser Idealtyp wird in der Regel dann auch als von den biblischen Texten getragen (und gefordert) wahrgenommen. Hieraus folge, dass jemand, der oder die nicht diesem Bild entspricht, als Angehörige/r einer Minderheit angesehen werde. Und dies schließt ihn oder sie in vielen Fällen vom Zugang zu bestimmten gesellschaftlichen Institutionen (Heirat, Kirchenzugehörigkeit, Arbeitsstelle u. a.) aus. Im schlimmeren Fall werde er oder sie durch diese Stellung am “Rande der Gesellschaft” zum Opfer verbaler, psychischer und bisweilen auch physischer Gewalt.
Hierbei kämen allerdings zwei Aspekte zu wenig in den Blick:
- Die sogenannten “Minderheiten” tragen zur Bildung des normierenden Durschnittswertes bei, welcher dann Ausgangspunkt für das allgemeinhin akzeptierte gesellschaftliche Ideal werde.
- Die Bibel, welche als Legitimationsgrundlage für dieses Ideal behauptet wird, sei selbst ein Dokument, an dessen Entstehung verschiedenste Minderheiten und u. a. Menschen bestimmter “sexueller Vorlieben” direkt wie indirekt beteiligt waren.
So fänden sich in der Bibel insgesamt 35 “sexuelle Minderheiten”, von denen viele von biblisch zentralen Personen wie Abraham (Polygamie), Maria (geschwängerte Jungfrau) oder Jesus (Asket und Sohn zweier Väter) vertreten werden. Henck und Musskopf nehmen diese Beobachtung als Ausweis dafür, dass die Bibel nicht als Begründungsgrundlage gegen sexuelle Pluralität und individuelle Sexuelle Freizügigkeit stehen könne. Vielmehr sei in ihrem Verständnis die Bibel selbst ein Ort, in dem “sexuelle Minderheiten” eher die “Norm” darstellen, als dass sich dort durchgängig ein verbindliches Idealbild sexueller Ethik entfaltete.
Da ich im letzten Teil des Vortrags (auf Spanisch…) einige Verständnisprobleme hatte, schließe ich meine eigene Schlussfolgerung an:
Ich denke, die Kirchen müssen sich von den idealisierten und ontologisierenden Denkmustern lösen, nach denen eine korrekte und vorbildliche Persönlichkeit nur die sein könne, die einen im Sinne der Bibel (sexualethisch) korrekten Lebenswandel führe. Dabei kann ein Denken hilfreich sein, das sich immer wieder daran erinnert, dass letztlich jeder und jede den Status “einer Minderheit zugehörig” erhalten kann, abhängig von der kulturellen Perspektive - sei es eine brasilianische, deutsche oder römisch-hellenistische wie zu Zeiten Jesu von Nazareth.
Diese Denkweise vom Standpunkt der Minderheiten aus lässt dabei nämlich Heterosexualität als EIN Modell menschlichen Zusammenlebens unter anderen hervortreten. Dieses Modell ist nicht im Gegensatz, sondern im Nebeneinander und Miteinander mit anderen Formen zu denken. Der Angst, in seinem eigenen (xyz-sexuellen) Lebensentwurf hinterfragt und verunsichert zu werden, müssen wir uns aussetzen, wollen wir nicht - wie leider in der christlichen Geschichte oft geschehen - unsere Angst vor dem anderen durch Ausgrenzung und Gewalt kompensieren. Begegnen sollten wir dieser Angst eher durch einen “inter-sexuellen” Austausch und den Versuch, über das gemeinsame Lesen in der Vielfalt der Texte der Bibel neue Sichtweisen für unsere persönliche Lebensgestaltung vor Gott wie auch voreinander zu finden.
Fragen, die sich an diese Gedanken anschließen sind:
- Ist es aus der Perspektive von Minderheiten Diskriminierung, dass die Kirchen und Gemeinden nicht durchgängig Eheschließungen zwischen Homosexuellen zulassen?
- Trifft das gleiche nicht auch für die Ausschließung von kirchlichen/gemeindlichen Ämtern zu?
- Und über den Aspekt der Sexualität hinaus gefragt: Wird in unseren Kirchen und Gemeinden wirklich deutlich, dass der Glaube keinen Unterschied macht zwischen gesellschaftlichen Klassen, Geschlecht und etnischem Hintergrund?
- Müssen sich Kirchen und Gemeinden nicht gerade den Ausgeschlossenen in der Gesellschaft zuwenden und uns für deren Rechte einsetzen? - Dabei würden wir Jesus (oder einer der Sichtweisen auf ihn) nachfolgen, der sich auch mit denen eingelassen hat und Gemeinschaft mit denen hatte, denen ansonsten jeder Kontakt mit dem Rest der Gesellschaft unmöglich war.
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Schluss mit grünem Punkt?
Christian |
Freitag, den 30. November 2007 um 09:26 Uhr
Nur eine kleine Bemerkung, auch wenn der Anlass schon etwas her ist und ich es nicht schaffe über alles in Deutschland auf dem Laufenden zu bleiben:
Glos gegen Grünen Punkt (taz.de)
Haut den Grünen Punkt in die Tonne (faz.de)
Es ist schon spannend, wie ein kleiner Buchstabe am Anfang einer Domain so große Meinungs-Unterschiede symbolisieren kann.
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(Der Beitrag entstand schon etwas früher, ich bin allerdings erst jetzt dazu gekommen, ihn zu veröffentlichen. Das Gesetz ist mittlerweile am 9.11.2007 in Kraft getreten.)
Manchmal passiert es ja, dass man vom Unwichtigen zum Abwegigen und dann zum Wesentlichen kommt.
Es fing damit an, dass ich nach einem anstrengenden Seminar etwas Zerstreuung in der Frage suchte, ob Gravatar oder nicht, die ich nach der Lektüre des Beitrags von Jörg-Olaf Schäfer auf Medienrauschen.de ersteinmal negativ beantwortet habe.
Vom Hölzchen ging es über den Ex-Blog YAMB.BETA² zum Stöckchen, das mir da in Form unseres Bundesinnenministers zugeworfen wurde
So kam ich zur Protestseite gegen Vorratsdatenspeicherung.
Die Seite ist so ausführlich, dass sich jede/r selbst einen guten Überblick verschaffen kann.
Meine Frage dazu war besonders: Was bedeutet das für Kirchen und Gemeinden? Besonders Seelsorgerinnen und Seelsorger sind von einem solchen Gesetz besonders betroffen. Intimste Gespräche am Telefon können mitgezeichnet werden und stehen weiterhin zur “Auswertung” zur Verfügung. Die kirchliche Schweigepflicht, eine der wichtigsten Einrichtungen, die es überhaupt in der Kirche gibt, wird hierdurch ausgehöhlt. Ein Beitrag der Telefonseelsorge auf der Seite des Evangelischen Pressedienstes hierzu:
Telefonseelsorge kritisiert Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung
Und eine weitere Frage: Gibt es keine sinnvolleren Möglichkeiten der “Prävention” gegen Kriminalität und Terrorismus? Mehr Geld in Sozialarbeit und Entwicklungszusammenarbeit zu investieren könnte auf kurze wie lange Sicht ein effektiverer Schutz vor Gewalt und Terror sein. Auf die so eingeschlagene Weise wird gerade die freie und demokratische Gesellschaft zerstört, die eigentlich damit beschützt werden soll.
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