Der kleine persönliche Synkretismus

Samstag, den 05. Mai 2007 um 14:11 Uhr

Um das Folgende sagen zu können muss man (oder wenigstens ich) wohl ein religiöse Landschaft wie in Brasilien miterlebt haben. Hier merke ich, wie der Kontext, in dem ich lebe, mein Denken und Urteilen (mit)bestimmt.

Theologie(n) des Alten Testaments

Zur Prüfungsvorbereitung für das Fach “Teologia do Antigo Testamento” habe ich das Buch “Theologien im Alten Testament” von E. S. Gerstenberger gelesen. Der Titel ist dabei gleichzeitig die Grundthese des Buches: “Es gibt nicht die Theologie im Alten Testament”, geschweige denn, dass das Alte Testament so etwas wie eine Mitte hätte. Sowohl der Endtext, als auch die diversen Schichten des AT stellen uns als Leser auf einen hohen Berg, von dem aus wir “Gott schauen”. Das Panorama dabei ist dabei aber nicht das blanke Weiß der Erkenntnis. Glaube und Religion im AT sind ein bunter, vielfältiger und vielschichtiger Regenbogen. Glänzend und matt, pompös und marginal, triumphierend und leise wimmernd präsentiert sich eine religiöse Welt, die uns auf den ersten Blick erschreckend unorthodox, ohne jede Ordnung und ohne eine feste “Idee” von Gott und vom Glauben erscheint. Auf den zweiten Blick scheint mir diese Welt - zumindest hier in Brasilien - gar nicht mehr so fremd zu sein, auch wenn die Entfernung von Kultur, Lebensart und zeitlicher Abstand zwischen altem Orient und (post)modernem Brasilien
(oder auch Deutschland) enorm ist.

Religiosität in Brasilien (und im Alten Orient?)

Weil es etwas zu viel verlangt wäre, das große religiöse Gefühl der (brasilianischen) Gegenwart einzufangen, beschreibe ich lieber - ganz vorläufig - das kleine große religiöse Gefühl des oder der Einzelnen:
Fürwahr, Brasilien ist eins der Länder mit den meisten Katholiken der Welt. Anders als in Deutschland, wo die Mentalität oft eher ist: “Wenn ich mit der Kirche nichts mehr anfangen kann, gehe ich halt.” bleiben die BrasilianerInnen zwar in der Kirche, suchen sich aber derweil trotzdem die Religion oder Spiritualität, die am besten zu ihnen passt. - Gab es einen altisraelitischen Tempelkult, war es für die Israeliten auch kein Problem, ihren kleinen Hausaltar mit kleinen Göttern, Amuletten, usw. zu haben. - Sei es Candomblé, Umbanda, neu-pfingstkirchliche Bewegungen - warum sich nicht an jeder Stelle das holen, was sie versprechen: Heilende Geister, die Austreibung der falschen Dämonen, die Segnung des Geldbeutels bei den Neupfingstlern und zum persönlichen oder familiären Schutz noch den einen oder anderen Talisman, dazu noch einen Hausheiligen (oder mehrere) in der “Kultnische”, oder waren es jetzt doch Götterstatuen?! - Das alles scheint eine Normalität zu sein.

Eine Welt ohne Religion?!

Von anderen Deutschen habe ich gehört, dass BrasilianerInnen, als sie hörten, es gäbe Menschen in Deutschland, die keine Religion hätten, das beim besten Willen nicht verstehen konnten. - Religion (oder besser: Religiosität) ist nicht wegzudenken. Welche Religion - das spielt dabei allerdings (an erster Stelle) keine Rolle. Das ist eine aufregende Entdeckung in vielerlei Hinsicht:

  1. Was E. S. Gerstenbergers “Theologien im Alten Testament” angeht, hat dieser in seinem Vorwort den Nagel auf den Kopf getroffen: Der kulturelle Kontext prägt die Theologie und wir müssen uns das als (angehende) TheologInnen stets bewusst machen.
  2. Den kulturellen Blick zu wechseln kann eine große Bereicherung für die eigene Sichtweise allgemein, aber auch für das theologische Denken sein.
  3. Die Vielschichtigkeit des Alten Testaments (und in einiger Zeit auch des Neuen?) hätte ich nie so deutlich verstehen können ohne die Erfahrungen und Erzählungen anderer aus Brasilien.
  4. Das AT ist eine große Hilfe, innerhalb meines christlichen Kontextes Ökumene und interreligiösen Dialog zu denken.

Dass ich als Europäer auch ein ziemliches Unbehagen in dieser multireligiösen Kultur spüre, und dass es auch viel berechtigte, über-kulturell verortete Kritik an dieser Mentalität gibt, ist mir dabei auch vor Augen. (Welche politischen und menschenrechtlichen Auswirkungen ziehen z. B. die Inhalte mancher religiöser Bewegungen nach sich - seien es die “Großkirchen” oder kleine “Sekten” und “Kulte”!) Letztendlich will ich aber das Anregende und Positive aus dieser Erfahrung in einer anderen Kultur ziehen - und davon gibt es bei aller Kritik reichlich, das sich lohnt, auf- und in “die Heimat” mitzunehmen.

Veröffentlicht in: Brasilien, Theologie

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