Verlieren denn alle TheologiestudentInnen den Glauben?
Montag, den 26. März 2007 um 12:47 Uhr
Es gibt anscheinend einige Fragen während des Studiums, die - mehr oder weniger direkt - allen angehenden Theologinnen und Theologen gestellt werden. Dazu gehört diese, die - auch aus dem Mund von Theologiestudierenden selbst - etwa so klingt:
“Wie, du studierst Theologie und glaubst noch an Gott?!”
Die Frage wurde nicht mir und auch nicht in Deutschland gestellt, sondern einem Studenten hier, mit dem wir Portugiesisch lernen. - An einer lutherischen Hochschule im Süden Brasiliens machen bestimmte Zweifel, Anfechtungen und vielleicht auch die Aufgabe des Glaubens den Studierenden ähnliche Schwierigkeiten, wie an den theologischen Fakultäten und Hochschulen im fernen Deutschland.- Das fand ich interessant und habe ein wenig weiter gefragt. Das Ergebnis: Die Schwierigkeiten hier und dort sind im Großen und Ganzen die gleichen:
Woher die Zweifel?
Es lässt sich recht schnell festmachen, welche Gründe es für Theolgiestudierende gibt, ins Zweifeln zu kommen. Die wichtigsten sind wohl:
- Der bewusst kritische Umgang mit allen Bereichen des (christlichen) Glaubens,
- das Hinterfragen und die Infragestellung der Grundlagen dieses Glaubens, sprich des biblischen Kanons,
- der oftmals nicht zu erkennende Bezug des Studiums zur kirchlichen oder persönlichen (Glaubens-)Praxis,
- die Konfrontation mit vielfältigen Gegenentwürfen zum eigenen Glauben, zur eigenen Religiosität.
Sicherlich gibt es noch mehr (Ergänzungen erwünscht), diese sind für mich die offensichtlichsten, die jedeN StudentIn im Laufe des Studiums mehr oder weniger betreffen. Anders als bei anderen Studiengängen, werden in der Theologie, durch die ständigen Anfragen an den (eigenen) Glauben, die eigenen Vorstellungen von sich selbst, die Lebensentwürfe der Studierenden in einer besonderen Weise in Frage gestellt. Die Studierenden geraten in einen Prozess der Selbstbefragung, der an den Grundfesten der eigenen Existenz rüttelt.
Was wird aus den Zweifeln?
Aus diesem Prozess gibt es drei große Auswege:
- Verdrängung
- Verzweiflung
- Verarbeitung
1. Verdrängung
Sieht ein Mensch sich derart vielen, oft auch ungewohnt drastischen Fragen gegenüber, die ihn tief im Inneren treffen und dort anfangen zu arbeiten und das Selbstverständnis auseinanderzuwühlen, geht er oder sie natürlich erst einmal auf Abstand. - Von vielen PfarrerInnen und StudentInnen habe ich schon gehört, dass sie das Studium “hinter sich gebracht haben”, weil dieses Studium mehr darauf ausgelegt sei, den Glauben zu demontieren, als ihn für die Arbeit in der Gemeinde zu stärken. Es funktioniert, keine Frage. Der Preis, den diese Menschen dafür bezahlen ist ein Doppelleben zwischen der Theologie als Wissenschaft, die den eigenen Glauben nicht zulässt und dem persönlichen Glauben, der sich der wissenschaftlichen Hinterfragung nicht aussetzen kann oder will.
2. Verzweiflung
Andere Menschen (wohl auch jener Brasilianer, der die Eingangsfrage gestellt hat) bauen entweder keine starke Mauer zwischen Wissenschaft und Glauben auf, weil ihnen zum Beispiel das fromme Umfeld fehlt, oder lassen sich aus Interesse, Lust auf das Neue, etc. auf die wissenschaftliche Theologie und deren Kritik ein, werden aber von ihnen überrant. Die Argumente gegen den Glauben sind größer als die dafür. Und das passiert, wovor die anderen sich fürchteten: Der Glaube hört auf, Gott gibt es nicht, oder er hat schlicht keine erkennbare Relevanz mehr für ihr Leben.
3. Verarbeitung
Es sind nicht wenige Studierende, die weder verdrängen, noch verzweifeln wollen, sondern die versuchen, für sich Glaube und Theologie miteinander zu versöhnen, sich auf beides ganz einzulassen, die Mauern zwischen dem vermeintlichen Gegensatzpaar Glaube und Vernunft einzureißen und sich in die Entwicklung, die dann beginnt, hineinnehmen zu lassen. Die Wege der Verarbeitung sind meistens wenig eindeutig und die Schwierigkeit ist, dass das Ziel, an dem man dann hoffentlich am Ende des Studiums ankommen wird, ziemlich uneinsehbar zu sein scheint. Wer Gott nach 6 Jahren Studium für einen sein wird - woher soll man das jetzt schon wissen?
Soweit meine dialektische Sicht auf den Prozess im Theologiestudium, den ich bei anderen und bei mir selbst bis hierher beobachtet habe. - Meine Meinung ist, dass sich die Verarbeitung auszahlt, dadurch dass sie den Glauben vertieft und sogar stärkt, statt ihn zu demontieren und der Persönlichkeit eine größere Reife gibt.
Der beschwerliche Weg der Verarbeitung und wie er leichter werden könnte
Das Problem in diesem Prozess ist dies:
Will man sich nicht von den Verdrängenden vereinnahmen lassen, ist man bei der Suche nach der “Synthese” von Verdrängung und Verzweiflung auf sich allein gestellt, sieht man von den sicherlich guttuenden Gesprächen mit KommilitonInnen in der Kneipe oder auf dem Weg zur Mensa einmal ab.
Dass in dieser Situation viele Studierenden diesen Weg (nein, nicht den zur Mensa) nicht zu Ende gehen, sondern schließlich doch in einem der beiden Extreme landen werden, ist für mich ein Armutszeugnis, nicht der universitären Theologie, sondern der evangelischen Kirchen. Solange das Pfarramt seine zentrale Rolle im Leben der evangelischen Gemeinden behält, wird auch die theologische und geistliche Entwicklung der Pfarrerinnen und Pfarrer im Gemeindeleben deutlich Spuren hinterlassen. Dass von so vielen Seiten an die Kirchen die Relevanzfrage gestellt wird, angesichts alternder Mitglieder, lauer Beteiligung am Leben in der Gemeinde, fehlendem Engagement, geistlicher Armut, ist nicht zuletzt eine Folge unzureichender Glaubwürdigkeit evangelischer Pfarrer, denen man den Glauben, für den sie stehen, nicht so recht abkaufen kann.
Wenn dann von Bekannten aus freien Gemeinden Fragen gestellt werden wie: “Gibt es eigentlich noch Pfarrer in der Kirche, die glauben, was sie sagen?” - polemisch, typisch pietistisch, ja, aber auch eine ernst zu nehmende Beobachtung - dann denke ich manchmal, ohne es zu sagen: “Ja, aber wirklich überzeugt sind sie auch nicht von dem was sie sagen.”
Ist wissenschaftliche Theologie und christlicher Glaube, gelebte Spirtualität und Religiosität ein Widerspruch? Nein, denke ich. Theologie ist sogar notwendig für die Kirche, bewahrt den Glauben vor großen Trugschlüssen und - auch polemisch gesprochen - vor inhaltlicher wie geistlicher Verflachung. Nur hat die evangelische Kirche bisher keinen Weg gefunden, Brücken und Wege zwischen den beiden Extremen zu schaffen, Hilfestellungen an Theologiestudierende bei der Verarbeitung ihrer existenziellen Fragen zu geben, ohne zu manipulieren, Unterstützung bieten und in die Universitäten zu tragen.
Supervision ist ein wichtiger Aspekt in der beruflichen Begleitung von Pfarerinnen und Pfarrern. - Warum spielt sie dafür in der vor-beruflichen Phase des Theologiestudiums eine so verschwindend geringe Rolle? (In der EKiR gibt es im ganzen Studium gerade einmal 5 obligatorische “Mentorierungsstudnen” mit einem Pfarrer eigener Wahl. - Immerhin, denn in Westfalen gibt es keine einzige.) Im Interesse nicht nur der Kirche, sondern jedes einzelnen Gemeindemitglieds sollte es stehen, dass die angehenden Pfarrerinnen und Pfarrer eine professionelle und intensive Begleitung während des Studiums erhalten. Fragen wie:
“Die meisten Theologiestudenten glauben doch gar nicht mehr an Gott, oder?”
oder:
“Du studierst Theologie und glaubst noch an Gott?”
würden dann vielleicht seltener gestellt werden.
Veröffentlicht in: Theologie


3 Antworten zu “Verlieren denn alle TheologiestudentInnen den Glauben?”
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Hallo Christian, hier ist Mone. Ich bin mir nicht sicher ob das was ich dir schreibe als e-mail an dich geht, oder ob es dann auch jeder lesen kann, aber ist eigentlich auch egal. Ich habe gerade gelesen was du geschrieben hast und wollte gerne dazu einen Kommentar abgeben.
Nicht nur theol. Studenten machen diese Phase durch, sondern alle Menschen die an Gott glauben. Natürlich, dadurch das ihr euch viel und nur damit beschäftigt, kommt es einem wahrscheinlich sehr viel intensiver vor. aber ich glaube alle machen das mal durch, nur bei den anderen hat es keine Konsequenz. Wenn man Pfarrer werden möchte ist es schon ziemlich wichtig, dass der Glaube die Kriesen übersteht, andere die in der gleichen zeit evtl. ähnliches durch machen, machen das nur ohne den Druck. Wenn man sich bei jeder kleinen Erschütterung gleich fragen muß ob das evtl. Auswirkungen auf das ganze Leben hat, steigt viel schneller Panik und Druck auf. Da ist jede kleine Kriese gleich ganz enorm wichtigund man muß sie auch sofort möglichst profesionell bearbeiten. Kein Wunder das da viele lieber aufhören zu glauben, als sich ständig diesem Druck auszusetzen. Vielen würde es bestimmt besser gehen, wenn sie nicht jede kleine Phase für die entscheidende halten würden.
Aber, cooler Text, gut geschrieben. Ich hätte zwar auch gerne gelesen wie es euch geht, aber evtl. finde ich das ja noch. Eine schöne Zeit
Mone
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Hi Christian!
Hoffe, Dir geht es gut und Du hälst Dich an Jesus fest!!! Die Waffenrüstung aus Epheser 6, 10ff kennst Du bestimmt. Bitte höre nicht auf, sie jeden Tag aufs neue anzuziehen!
Leider habe ich erst jetzt diesen Beitrag richtig gelesen. Ich studiere Theologie nur im Nebenfach, aber die Tatsache, daß mein Glaube dabei sehr starken Attacken ausgesetzt ist, gefällt mir ganz und gar nicht. Behauptungen wie, “Fast das gesamte neue Testament sei fiktiv, enthalte aber sehr wahrscheinlich Wahrheit widerspiegelnde Symbole” oder “Jesus kann nicht wiederkommen” (weil irgendein Naturwissenschaftler ihm die Himmelfahrt nur mittels Lichtgeschwindigkeit zugesteht, und Jesus mit dieser bereits außerhalb jeder Reichweite sei…) verneinen genau das, woran ich glaube.
Mir hat ein Buch Mut gemacht, mit dem Eta Linnemann (eine ehemals bekannte und gerühmte Verfechterin der Historisch-kritischen Theorie) mit ihren Werken und der Historisch-kritischen Theorie abrechnen. Alle ihre Werke widerrufend stellt sie die beabsichtigte Versuchung von Theologiestudenten dar.
Ich weiß nicht, wo Du geistlich stehst und wer Dein Mentor oder Dein/e Bru/üder im Glauben ist/sind, aber empfehlen kann ich, zu glauben, was in der Bibel steht, und Gemeinschaft mit denen zu suchen, die dies leben oder leben wollen!
Wie geht es Dir?
Hier in Darmstadt (mindestens mal im Hauskreis) ist Bewegung zu spüren.
Bis dann
Christian
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Lieber Christian,
vielen Dank für deinen Kommentar. Er hat mir zu denken gegeben und ich möchte dir gerne eine etwas längere Antwort dazu geben:
Für mich hat sagt Paulus in Eph 6,10-20 etwas ganz Zentrales, nämlich dass wir - ganz gleich, ob als Theologiestudierende oder, wie Möne weiter oben meinte als Mitglieder und MitarbeiterInnen in unseren Gemeinden - mit starken Wurzeln “im Boden des Glaubens” stehen.
Anders gesagt geht es darum, nicht nur einen faszinierenden Gedanken oder ein rational überzeugendes Konzept von Gott in meinem Kopf zu haben, sondern, dass ich auch aus meinem Glauben an Jesus Christus etwas mache, das mein ganzes Leben in allen Bereichen, Sinnen, Verstand und Gefühlen erfüllt. - Das ist einerseits ein Teil der oft beschworenen Praxis, die so vielen Studierenden fehlen soll. - Wie soll man anderen später im Glauben helfen, wenn man selbst seinen Glauben nicht praktiziert?
Andererseits geht es aber noch um mehr. Nur wenn ich das tue, woran ich glaube, habe ich auch etwas “in der Hand”, worüber ich theologisch reflektieren kann. - Sonst bin ich so etwas wie ein Webdesigner ohne Internetanschluss. - Wenn sich die Ideen, die ich theologisch habe, für meine Religiosität nicht als schlüssig erweisen, wenn sie nicht “passen”, haben sie keinen Wert. Und auf der anderen Seite hilft mir mein Glaube und die Kraft, die ich von Gott dadurch erhalte, manche Spannungen auszuhalten, die ich nicht sofort auflösen kann.
Das Thema der NaturwissenschaftlerInnen, die theologische Fragen - in diesem Fall mit physikalischen Mitteln - beantworten wollen, indem sie dann meistens popularwissenschaftliche Bücher schreiben, zeigt meistens nur, dass sie zwar PhysikerInnen sind - möglicherweise in ihrem Fach auch exzellent -, aber, was theologische Diskurse angeht, unbeholfener sind als ein Walross, das versucht Einrad zu fahren. - Auf der anderen Seite sollten wir auch nicht versuchen, die Oberflächenspannung von Wasser mit Hilfe der Geschichte vom Schilfmeer in Ex 14 zu erklären. - Da gäbe es bestimmt auch peinliche Vergleiche…
Außerdem gibt es natürlich in allen Bereichen, gerade unter solchen, die wissenschaftliche Dumpingware produzieren, immer Menschen, die möglichst steile Thesen und Gegensätze formulieren, weil sie von den Verkaufszahlen leben bzw. ohne die publicity nicht leben wollen/können. - Von solchen AutorInnen würde ich an deiner Stelle ersteinmal Abstand nehmen und wirklich ernsthafte, und besonders: gut recherchierte und argumentierte Literatur zu Rate ziehen.
In einem auch eher popularwissenschaftlichen Stil, aber gut fundiert schreibt beispielsweise Heinz Zahrnt. Sein bekanntestes Buch ist wahrscheinlich “Die Sache mit Gott”, für die Frage nach dem eigenen Glauben aber wohl eher “Meine Sache mit Gott”. Andere Titel weiß ich leider auf Anhieb und aus der Ferne nicht.
Was Eta Linnemann betrifft: Ich habe ihr Buch noch nicht gelesen. Ich denke aber, dass du mit der beabsichtigten Versuchung wahrscheinlich den Teufel (vgl. Eph 6,11) oder übernatürliche, böse Mächte meinst. Hierzu möchte ich dir zwei ganz offene Antworten geben:
Was mir aber bei diesem Thema noch wichtig zu sagen ist: Die Frage nach der Wahrheit ist etwas, das NaturwissenschaftlerInnen und TheologInnen sowohl völlig anders stellen, als auch anders beantworten. Vielleicht sind für einen atheistischen Naturwissenschaftler religiöse Symbole genauso unverständlich wie für eine glaubende Theologin die Gesetze der Quantenmechanik.
(Ich würde übrigens nicht sagen, dass ein Symbol “nur” ein Symbol ist. - Eigentlich sind es gerade die religiösen Symbole, an denen wir unseren Glauben orientieren. Und anders als in Zeichen und Symbolen können wir überhaupt gar nicht von Gott sprechen. - Ich kann dir empfehlen, besonders was das Thema Jesus Christus angeht, einmal Paul Tillichs Systematische Theologie in die Hand zu nehmen und im ersten Band den Teil über Symbole sowie den ganzen zweiten Band - der kürzeste von allen dreien - über die Christologie zu lesen. Von allen Dogmatiken, die mir bisher begegnet sind, habe ich hier den meisten “Mut” für meinen Glauben gefunden. - Heinz Zahrnts “Die Sache mit Gott” ist übrigens eine gute Hilfe, Tillich zu verstehen.)
Für mich ist es so: Wenn zwar jemand beweisen kann, dass die Himmelfahrt Jesu naturwissenschaftlich, also empirisch, nicht möglich ist, ist sie für mich trotzdem noch wahr. Das ist nämlich das, was ich an meinem Glauben nicht verstehe: Obwohl sich so viel während des Studiums in meinem Denken geändert hat und daran, wie ich die Bibel lese, kann ich Gott immer noch Gott nennen und zu ihm beten. Und ich kann immer noch sagen und glauben, dass Jesus Christus mich erlöst hat. - Gerade (oder für dich vielleicht obwohl) ich die Bibel wissenschaftlich zu lesen gelernt habe.
Zum Ende fällt mir noch ein Gedanke ein, mit dem ich vielleicht ganz gut schließen kann: Martin Luther hat davon gesprochen, dass wir uns regelmäßig wieder zu Gott durchringen müssen, durch alle Anfechtungen und Zweifel durch, aber nicht an ihnen vorbei. Und ich denke, der beste Weg hierzu ist, diesen Kampf in uns mit Gott zu kämpfen, wie Paulus es sagt (echt, die Stelle passt wirklich gut hierzu!) - durch Beten, durch die Gemeinschaft mit anderen Christinnen und Christen.
Was mir aber dabei wichtig ist: Ich möchte für das (theologische) Ergebnis offen sein, sowohl zur einen als auch zur anderen Seite, sonst verrate ich zu nachlässig meine von Gott geschenkte Freiheit.
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